Johanneum Gymnasium Herborn

1. Das Latein-Team am Johanneum

  • Frau C. Hubl
  • Herr Dr. M. Kortus
  • Herr T. Möller
  • Herr T. Benner

2. Warum Latein lernen?

„non vitae, sed scholae discimus“  - nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.
Dies schreibt Seneca am Ende seines 106. Briefes an seinen fiktiven Schüler Lucilius. In diesem 106. Brief schreibt Seneca, wie viel Überflüssiges in der Wissenschaft und auch in der Schule gelehrt und gelernt wird. An diesem Überflüssigen reibe sich die Menschheit auf und nutze ihren Scharfsinn ab.  Heute vertreten viele diese Ansicht dem Lateinunterricht gegenüber. Man lerne dort sinnlos Vokabelgleichungen auswendig und reibe sich an grammatische Raffinessen auf, einzig und allein zu dem Zweck, sie so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Generationen von Lateinschülern mag genau dies als die traurige Realität erschienen sein. Sie lernten endlose Formenreihen, prägten sich grammatikalische Fachbegriffe ein und paukten seitenweise unbekannte Vokabeln. Der Lohn: Sie konnten am Ende ein Latinum vorweisen, auf Nachfrage den ersten Satz von Caesars „De bello Gallico“ zitieren und glaubhaft ihr vollstes Verständnis für all diejenigen äußern, die selbst gerade diese scheinbar toten Sprache erlernten. Auf die Idee, sie hätten etwas für ihr eigenes Leben gelernt, sind die meisten von ihnen erst nach längerem Nachdenken und mit dem Abstand von ein paar Jahren gekommen. Genau diesem Umstand versucht der moderne Lateinunterricht entgegenzutreten, indem er in viel stärkerem Maße die heutige Lebensrealität in den Unterricht einbezieht und dafür sorgen möchte, dass unsere Schüler in der Tat etwas für ihr Leben lernen. Die lateinische Sprache und die in ihr zum Ausdruck kommende Welt der Antike hat uns nämlich auch gut 2000 Jahre nach Cicero und Caesar eine ganze Menge zu sagen  - mehr als so manchem möglich erscheint. So möchten wir uns lieber an die Version halten, die moderne Leser gerne aus Senecas Zitat zu machen pflegen:
„non scholae, sed vitae discimus“  - nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir
Im Folgenden möchten wir gerne anführen, was damit gemeint ist:

Latein als sprachliche Grundlage weit über Europas Grenzen hinaus

Latein ist als sprachliche, geisteswissenschaftliche und kulturelle Grundlage Europas in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Die erworbenen sprachlichen Kompetenzen helfen beim Erlernen und beim Verstehen der aus dem Lateinischen entstandenen romanischen Tochtersprachen Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch und Rätoromanisch. Auch die englische Sprache als „Stieftochter“ des Lateinischen weist in der Grammatik zahlreiche Parallelen zum Lateinischen auf. Bemerkenswert ist, dass je nach Textart 80 % des englischen Wortschatzes auf dem Lateinischen basieren. Latein ist das Rückgrat vieler Sprachen, so dass sich der Lateinunterricht als sinnvolle Ergänzung zum modernen Fremdsprachen-Unterricht erweist, indem z.B. der Schüler neue Vokabeln einer Sprache durch die Kenntnis der lateinischen Grundform selber erschließen kann.

Im Lateinunterricht stehen neben dem bewussten Umgang mit Texten sowie Methoden der Texterschließung und Textanalyse vor allem das Nachdenken und Reflektieren über Sprache im Mittelpunkt. An einem abgeschlossenen sprachlichen System wird das Verstehen komplexer semantischer wie syntaktischer Strukturen geübt. Lateinische Konstruktionen wie der Accusativus cum Infinitivo (AcI) oder Ablativus Absolutus (Abl. abs.) wecken ein Bewusstsein dafür, dass jede Sprache und Sprachgemeinschaft ihre charakteristischen Konstruktionen hat. Diese gilt es beim Umgang mit der jeweiligen Fremdsprache wie auch der Muttersprache zu beachten. Durch das hohe Maß an Logik, Transfer- und Abstraktionsvermögen, welche zum Übersetzen benötigt werden, werden Scharfsinn und  Kreativität des Übersetzenden gefordert und gefördert. 

Latein als geisteswissenschaftliche und kulturelle Grundlage Europas

Neben der intensiven Beschäftigung mit Sprache steht v.a. die antike Welt, ihre Kultur und ihr Geistesgut im Lateinunterricht ganz weit vorn. Das Kennenlernen dieser auf den ersten Blick fremden Kultur ist schon allein deswegen nicht als Selbstzweck zu betrachten, da unsere eigene Kultur in einer  kaum zu überschätzenden Weise durch die Antike geprägt wurde. Die enorme Ausdehnung des römischen Imperiums über das Gebiet des heutigen Europa begünstigte das Übergehen seiner kulturellen Werte und Normen auf das Denken des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit. Auf diesem Wege gelangten schließlich große Teile dieses Gedankenguts in unser heutiges Denken. Gern und häufig verwendete Metaphern wie die „Sisyphus-Arbeit“ oder die „stoische Ruhe“ sind nur ganz besonders augenfällige Beispiele. Sie können bei der Lektüre von Caesars Schrift „De bello Gallico“ feststellen, dass die sich die Argumente und rhetorischen Kniffe zur Rechtfertigung eines Angriffskrieges im Verlaufe der letzten gut 2000 Jahre kaum geändert haben. Oder aber sie können bei der Lektüre von Cicero und Seneca Grundgedanken der Philosophie kennen lernen, die heute noch die Grundlage unserer religiösen wie philosophischen Vorstellungen bilden.

Oft werden wir uns unserer eigenen geistigen Grundlagen erst dann richtig bewusst, wenn wir sie – in ähnlicher oder abgewandelter Form – in einer fremden Epoche wiederentdecken. Und so vermittelt die Beschäftigung mit antiker Kultur, Philosophie und Rhetorik nicht allein die Fähigkeit, eine spezielle Epoche zu verstehen oder die 500.000-Euro Frage bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ beantworten zu können. Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Gedankengut der Antike eröffnet ganz neue und bisher unbekannte Zugänge zu unserer eigenen Gegenwart.

Die Antike soll unseren Schülern aber nicht nur in Form von literarischen Werken, Gemälden und Vorträgen gegenübertreten, sondern auch in Form von archäologische Realien, die zu ganz konkreten Erfahrungen beitragen können. So unternehmen die Lateinklassen und -kurse an unserer Schule regelmäßig Fahrten zu den nahe gelegenen antiken Stätten in Trier, Köln oder Xanten, die zu vielfältigen konstruktiven Exkursionen einladen. (vgl. Punkt 5)

Latein als Kernfach zur Verbesserung der Zielsprache Deutsch

Latein ist und bleibt ein Kernfach des gymnasialen Bildungsweges. Es hat schon längst seinen elitären Mantel abgelegt und setzt sich mit Kräften für Chancengleichheit ein. Jedem Schüler wird die Chance geben, durch den Lateinunterricht in der Zielsprache, in unserem Fall der deutschen Sprache, besser zu werden. Das Übersetzen ins Deutsche ist für den Lateinunterricht im Unterschied zu den modernen Fremdsprachen charakteristisch und birgt ein reiches Potential mit der deutschen Sprache nuanciert und umsichtig umzugehen. Einer intensiven Beschäftigung mit den komplexen, anspruchsvollen und bisweilen sperrigen lateinischen Stoffen folgen Grundlagen-Qualifikationen, die sich auf vielfältige Bereiche des schulischen Lebens wie des Lebens allgemein übertragen lassen. Und damit wären wir wieder beim eingangs erwähnten Zitat Senecas, diesmal erneut in der Wildwuchs-Variante
„non scholae, sed vitae discimus“  - nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir
In den letzten Jahren haben sich immer mehr Schüler am Johanneum entschieden diesen Weg zu gehen und Latein als zweite Fremdsprache zu lernen. Hatten wir noch vor Jahren Schwierigkeiten, zwei Lerngruppen pro Jahrgang angemessen zu füllen, so konnten zuletzt in den Jahrgangsstufen 6-8 jeweils drei neue Lerngruppen ins Leben gerufen werden. Dies ist eine Entwicklung, die ganz im  bundesweit zu beobachtenden Trend liegt, nach dem sich die alten Sprachen wieder zunehmender Beliebtheit erfreuen. Diese Entwicklung freut uns natürlich sehr, da wir glauben, dass die lateinische Sprache ihre Chance verdient hat und wir auch personell in der Lage sind, den steigenden Anforderungen gerecht zu werden.

nach: Karl Wilhelm Weber, Mit dem Latein am Ende?, Göttingen 1998

3. Der Lehrplan (Latein als 2. Fremdsprache)

a. Mittelstufe (Klassen 7-10; bei G8: Klassen 6-9)

In den ersten 3-4 Jahren – der so genannten Spracherwerbsphase – wird der Lehrplan maßgeblich durch das verwendete Lehrbuch bestimmt. Mittlerweile arbeiten wir im vierten Jahr mit dem im Buchner-Verlag erschienenen Lehrbuch „Prima“. Dieses zeichnet sich vor anderen Lehrbüchern v.a. durch eine attraktive Aufmachung (die Sachinformationen werden durch viele Bilder und Zeichnungen erläutert), eine gut strukturierte Anordnung und Präsentation der Grammatik sowie durch  interessante inhaltliche Texte aus.

Die Lektionen 1-5 unternehmen einen Streifzug durch Rom und stellen dem Leser in kleinen Anekdoten die wichtigsten Treffpunkte der Stadt vor. Gemeinsam mit den römischen Freunden Aulus, Gaius und Atia erlebt er ein Pferderennen im Circus Maximus, schlendert durch das Forum Romanum und die Markthallen, wo sich allerlei bizarre Gestalten herumtreiben und das politische Geschäft so manche Blüten treibt, und entspannt schließlich in den Thermen.

Die Lektionen 6-10 verbringt der Leser dann in der Familie der Aqulier und erfährt, wie eine normale römische Familie ihren Alltag verbrachte. Was aßen die Römer? Welche Feste feierten sie? Wo kauften sie ihre Kleidung? Wie war ein römisches Haus aufgebaut? Welche Rolle spielten Frauen in der römischen Gesellschaft? Welche Rolle spielten Sklaven? Wie verbrachten die Römer ihre Freizeit? Kaum eine Frage nach dem Alltagsleben der Römer ist hier ausgelassen.

Die Lektionen 11-16 widmen sich dann der römischen Geschichte. Die Gründung der Stadt durch Romulus und Remus wird hier ebenso thematisiert wie die Ausdehnung des Reiches und seine diversen Krisen durch soziale Konflikte und äußere Feinde, wie z.B. Hannibal.

In den Lektionen 17-20 tritt uns dann ein antiker Entführungsroman entgegen, der uns quer durch Italien und den Mittelmeerraum führt, uns mit zwielichtigen Kneipenbesitzern und habgierigen Piraten zusammenführt und schließlich eine faustdicke Überraschung für uns bereit hält – die wird hier natürlich noch nicht verraten.

Die Lektionen 21-31 stehen dann unter dem Stichwort „Vom Mythos zum Logos“. Ausgehend vom antiken Götterglauben wird der Weg der Griechen zu einer aufgeklärten Weltsicht erlebbar gemacht. Plötzlich gibt man sich nicht mehr mit den althergebrachten Erklärungen zufrieden, nach denen hinter dem Echo eine an Liebeskummer zugrunde gegangene Nymphe steckt oder dass Erdbeben ein Zeichen für den Zorn der Götter seien. Vielmehr begibt man sich auf die Suche nach rationalen Erklärungen, die die Grundlage für die späteren Wissenschaften bilden.

Die Lektionen 32-40 begeben sich dann an die Grenzen des römischen Reichs, nach Kleinasien, Gallien und Germanien. Hier erleben wir einige Kostproben der orientalischen Kunst, feilschen auf dem Markt in Ephesus und schlemmen mit Lukull, einem der größten Gourmets der Antike. Danach geht es an die Mosel nach Trier, ins römische Germanien, das auch Ziel einer unserer Exkursionen sein wird, sowie nach Gallien, das wir von einer Seite kennen lernen, die uns in Asterix und Obelix meist verschwiegen wird.

Die Lektionen 41-50 bereiten uns dann allmählich auf das Ende des römischen Reiches vor: Die permanenten und mit wachsender Dauer zunehmend erfolgloseren Kämpfe gegen aufbegehrende Völker - z.B. die Germanen, gegen die man sich lange Jahre durch den Festungswall Limes zu verteidigen suchte - brachten das römische Imperium an die Grenzen seiner Kraft. Doch noch eine andere Entwicklung veränderte das römische Leben und seine Kultur grundlegend: Das Eindringen christlichen Gedankenguts. Zunächst auf einen kleinen Kreis an Menschen beschränkt, die von den Machthabern auf brutale Weise unterdrückt wurden, erlebte das Christentum einen allmählichen Aufstieg, bis es unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion erhoben wurde. Diesem allmählichen Aufstieg sowie den Herausforderungen, die dem römischen Reich dadurch entstanden, widmen sich die letzten Kapitel des Lehrwerks.

Vom Lehrbuch zur Lektüre

Je nach Leistungsstand und Interessen der Lerngruppe kann der Einstieg in die Lektüre mit den Originaltexten der Klassikern Caesar, Cicero oder Seneca beginnen, oder eine Übergangslektüre gelesen werden, die den Übergang von den Lehrbuchtexten zur Lektüre der Originaltexte abmildern soll.

b. Oberstufe (Klassen 11-13; bei G8: Klassen 10-12)

In der Oberstufe gibt es insgesamt 6 verschiedene Themenbereiche, die jeweils den Unterricht eines Halbjahres bestimmen werden:

  1. Geschichte
  2. Gesellschaft und Geschichte
  3. Rhetorik
  4. Staat und Politik
  5. Philosophie
  6. Poesie

Schüler, die Latein als 2. Fremdsprache seit der Klasse 7 lernen, erhalten das Latinum zuerkannt, wenn sie am Ende der Jahrgangsstufe 11 mindestens 5 Punkte im Zeugnis erhalten.

4. Latein als Dritte Fremdsprache (ab Klasse 11)

Schüler, die Latein nicht als 2. Fremdsprache gewählt haben, können die Sprache ab der Klasse 11 in einem speziellen Latinums-Kurs erlernen. Dieser Kurs ist auf drei Jahre angelegt und umfasst vier Stunden pro Woche. Nach Abschluss des Kurses kann eine Latinums-Prüfung abgelegt werden, die als Ergänzungsprüfung zum Abitur an der Schule abgelegt werden kann. Alternativ ist auch die Wahl als 3. oder 4. Prüfungsfach möglich.

5. Exkursionen im Fach Latein

  • Trier (in Klasse 7 oder 8)
  • Xanten Archäologischer Park (in Klasse 8 oder 9)
  • Köln Römisch-Germanisches Museum (in Klasse 9 oder 10)