Besondere Konzepte

Digitale Bildung

Das Für und Wider Digitaler Bildung in der Schule (Jutta Waschke)

[Artikel veröffentlicht in der Johannea-Jahreszeitschrift 2018]

Während man an Schulen noch versucht, sich eine praktikable und allgemein akzeptierte Position zum Thema „Handyverbot“ zuzulegen, geht die Entwicklung außerhalb der Schulen in rasantem Tempo vorwärts. Nur mal so zur Einstimmung eine kleine Gedankenreise: Überlegen Sie sich bitte einmal, lieber Leser, in welchem Ausmaß der PC, das Smartphone usw. in Ihrem persönlichen Leben Einzug gehalten hat. Denken Sie zurück, wie es im Vergleich dazu noch vor zehn Jahren mit Ihrer Kommunikation, Ihrer Freizeitgestaltung, Ihrer Arbeitswelt, Ihrer Informationsgewinnung, Ihrem Bezahlverhalten usw. bestellt war. Nun überlegen Sie bitte kurz, was für Folgen es für Sie hätte, wenn Sie auf alle diese Digitalen Medien mal für einen Monat verzichten würden…
So, ich glaube, jetzt haben Sie die richtige Grundstimmung für meinen Artikel erlangt :)

Vorab eine Grundposition: Eine Schule, die den Kontakt zur Gesellschaft und deren Erfordernissen verloren hat, hat ihren Sinn verfehlt, denn der Hauptzweck von Schule ist es, die ihr anvertrauten Kinder bzw. Jugendlichen auf ein erfolgreiches, selbstbestimmtes und unabhängiges Leben in eben dieser Gesellschaft vorzubereiten. In dieser Hinsicht ist sie mit der Gesellschaft verzahnt und Teil der sich dort abspielenden Entwicklungen, vor der sie nicht die Augen verschließen darf. Die Sache mit dem „Elfenbeinturm“ hat sich seit vielen Jahrzehnten erledigt.

Dennoch ist Schule nicht ein einfaches Abbild der Gesellschaft, denn sie muss stets kritisch mit ihr umgehen. Schülerinnen und Schüler müssen in die Lage versetzt werden, eben diese Gesellschaft klar zu analysieren und kritisch zu beurteilen. Schule hat auch einen eigenen Beitrag dabei, auf dem Wege der Erziehung denjenigen Entwicklungen die Stirn zu bieten, die für das Individuum oder die Gesellschaft schädlich sind. Als Beispiel mag die Toleranz- und Friedenserziehung stehen. Aber der schulische Einfluss ist – das muss man ehrlich sagen – gegenüber den anderen Einflüssen auf die Kinder und Jugendlichen sehr begrenzt. Das ergibt sich schon aus den entsprechenden Zeitkontingenten.

Das eben Gesagte gilt in vollem Maße auch für das Thema Digitale Medien bzw. Digitale Bildung (ich will hier zunächst einmal beide Aspekte zusammenfassen). Also muss man ehrlich (!) auf die Frage antworten: Um welche Ausgangssituation, Legitimation und Ziele geht es im Zusammenhang mit dem Einsatz von Digitalen Medien? Wie soll Schule sich zu diesem Megathema verhalten? Nötig ist spätestens jetzt eine Standortbestimmung mitten in der Zeit des Umbruchs… bevor wir diesbezüglich den Kontakt zur Gesellschaft verlieren.

Eins ist sicher: Es geht in der Schule nicht darum, User und Käufer zu generieren, dafür sorgen die Wirtschaft bzw. die individuellen Bedürfnisse schon selber. Wir haben in den letzten Jahren einen exponentiellen Verbreitungszuwachs bei Smartphones, Tablets und PCs erlebt, die in ihrem Ausmaß bespiellos ist. Das dürfte jedem klar sein. Aber hierbei geht es nicht um die “Verführung durch die Konzerne“, die aus den Konsumenten willenlos Abhängige macht … alles Unsinn.

Wenn die neuen Angebote nicht ihren Widerhall in den Menschen finden würden, die sie nutzen sollen, hätten sie keinen Erfolg. Niemand wird gezwungen, sich als der zweimillionste Follower irgendeines Popstars eintragen zu lassen! Aber es erfüllt eben das menschliche Bedürfnis nach Informationen im sozialen Kontext – früher gemeinhin „Dorfklatsch“ genannt. Man findet es in allen sozialen Gruppierungen, die kleinste Einheit sind zwei gute Freunde ... Und übrigens hatte dies durch das Fördern von Bindungen und gemeinsamer Vertrautheit biologisch gesehen auch immer seine Berechtigung, denn es dient der Arterhaltung! Die Pervertierung erfolgt nur daraus, dass das „Dorf“ heute global ist. Das Bedürfnis ist aber da und will befriedigt werden.

Auch die verbreitete Sucht nach möglichst vielen „likes“ und Zugriffen auf die eigene Homepage oder den Blog ist im Grunde eine moderne Variante des Spiels „Meiner ist größer als deiner“, also unser ur-menschliches Streben nach Vergleich mit dem Nächsten, das nicht nur im testosterongeschwängerten Zusammenhang zu finden ist.

Und genau dies erklärt den Erfolg von Twitter und Co.: Ich will mitreden, ich will gehört werden – dann bin ich wer. Ebenfalls ein biologisches Bedürfnis, leider geschieht es in dieser verkürzten Form auf Kosten von vorherigem Nachdenken, und manchmal ist es schwer, sich aus den millionenfach verbreiteten ersten spontanen Gedanken wieder herauszuwinden. In den USA gibt es derzeit dafür ein geradezu klassisches Beispiel an höchster Stelle… mit allen gruseligen Nebenerscheinungen. Mich wird man nicht bei Facebook oder Twitter finden, aber das ist eben eine individuelle Entscheidung.

Genauso ist der Einsatz Digitaler Technologien in der Wirtschaft schon allein durch das ur-menschliche Streben nach dem eigenen Vorteil (übersetzt: durch den Drang, möglichst wenig für etwas bezahlen zu wollen) zu seiner rapiden Verbreitung gekommen ist. Alles was Lohnkosten drückt, drückt den Preis und erhöht den Gewinn. Wenn Arbeitsplätze dadurch verloren gehen – nun ja. Aber jeder, der im Alltag im Supermarkt, bei der Flugreise oder beim Autokauf automatisch zum Billigsten greift (also den „best deal“ sucht) darf sich da an die eigene Nase fassen. Schuld sind wir alle, da nehme ich mich nicht aus.

Es ist eine wahrhaftige Digitale Revolution, die auch nicht mehr umzukehren ist! Da, wo eine neue Technologie Bedürfnisse erfüllt – sei es in der Wirtschaft oder im persönlichen Gebrauch – da wird sie sich schnell durchsetzen. Alle Überlegungen, ob man es überhaupt so will, ob es den Menschen oder der Gesellschaft als Ganzes zuträglich ist oder ob man sich vielleicht auch nur ein langsameres, durchdachteres Vorgehen wünscht, sind Makulatur… und nostalgische Verklärung bzw. Verdrängung der eigenen Handlungen. Der Pragmatiker weiß: Es ist so passiert, es wird so weitergehen und niemand wird es aufhalten!

Umso wichtiger ist es, sich mit der Position der Schule als Ort der Bildung dazu auseinanderzusetzen. Was soll in der Schule passieren? Anpassen, unkritisch übernehmen, vielleicht gar aktiv fördern? Oder negieren, blockieren, widersetzen? Dieser Artikel will ich versuchen, eine Position dazu zu begründen, wie sie sich am Johanneum nach vielen grundlegenden Diskussionen im Moment herauskristallisiert – auch wenn sie nicht unumstritten ist. Letzteres werden Sie nicht zuletzt an den anderen einschlägigen Artikeln dieses Heftes merken.

Nach der bisher von mir bewusst nüchtern formulierten Problembeschreibung ist die Ausgangslage aus meiner Sicht klar: Die Digitale Revolution ist Teil der Gesellschaft und wird in ihrer Bedeutung noch weiter zunehmen, da sie vielfältige Bedürfnisse erfüllt. Da Schule sich nicht von der Gesellschaft entfernen darf, muss sie auf den Technologiewandel überlegt, aber nicht zögerlich reagieren und ihn in den Schulalltag integrieren. Daher ist es wirklich eine essentielle Frage der heutigen Bildungsdiskussion: Wie kann man sich des Themas „Digitalen Bildung in der Schule“ annehmen?

Aus meiner Sicht geht es um dreierlei: Es geht darum, ein vertieftes Verständnis der Technologie zu erwerben (betrifft Informatik-Unterricht), die Folgen individuellen Handelns abschätzen zu können (betrifft Medienerziehung, in außer- und innerunterrichtlichen Kontexten) und die digitalen Medien in ihrer Vielfalt und als normales Arbeitsmittel kennenzulernen (betrifft alle Fächer). Lassen Sie uns diese drei Standbeine einmal nacheinander betrachten.

1. Verständnis der Technologie erwerben

Im Kontext der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung ist Informatik zunächst ein Fach wie jedes andere. Sich mit dem dazugehörigen Sachwissen zu beschäftigen ist wie in anderen Fächern eine selbstverständliche Aufgabe der Schule, da es im verbindlichen Fächerkanon enthalten ist. Leider ist Informatik in Hessen aktuell nur an wenigen Schulen als Leistungsfach eingerichtet, was aus Sicht der Wirtschaft sicherlich unzureichend ist, sind Schulabgänger für die diesbezügliche Ausbildung bzw. Studium doch sehr gesucht bzw. in der Berufswirklichkeit dringend gebraucht.

Auch im Hinblick auf die „Humanressource“, die für Deutschland als rohstoffarmes Land wichtig ist, wäre eine Verstärkung dieses Faches sicher sinnvoll. Es macht keinen Spaß, von Indien auf der Überholspur nur noch die Rücklichter zu sehen … Und das Interesse der Jugendlichen daran wäre sicher vorhanden, obwohl sich schon mancher Schüler mit langen Jahren „Klickerfahrung“ doch sehr gewundert hat, wie sehr sich Informatikunterricht mit Programmierung und Co. von seinen Alltagskenntnissen unterscheidet.

Ich bin mittlerweile auch überzeugt davon, dass bei diesem Fach eine Aufhebung der Koedukation sinnvoll wäre. Oft genug habe ich bei Unterrichtsbesuchen beobachtet, dass die Mädchen sich stark zurückhalten, weil sie unsicherer sind als die Jungen, bzw. dass sie den Jungen in der Partnerarbeit freiwillig die Tastatur überlassen, weil diese oft schneller sind. So kommen die Geübten zu weiterer Übung! Daher bekommen die Schülerinnen auch im Schnitt schlechtere Noten, und so zementiert sich der Ruf, dass Informatik nichts für Mädchen sei. Mittlerweile wählen deshalb auch deutlich mehr Jungen dieses Schulfach – schlecht für zukünftige Jobaussichten der Mädchen! Aus getrenntgeschlechtlichen Gruppen bzw. Schulen weiß man, dass ohne diese direkte „Konkurrenz“ Mädchen gleichwertige Erfolge erzielen können, obwohl ihre Interessen und Herangehensweisen oft andere sind. Das wollen wir auch im nächsten Jahr im WU-Unterricht einmal versuchen.

Eine weitere Verbreitung des Faches scheitert aber in den meisten Schulen daran, dass es derzeit nicht genügend ausgebildete Informatiklehrer gibt, nicht zuletzt, weil Personen mit diesen Kenntnissen auch in der Wirtschaft händeringend gesucht werden (s.o.). Das ist ein bisschen ein Teufelskreis. Auch am Johanneum haben wir mit der Pensionierung von Herrn Rumpf im Februar (neben seiner sonstigen wertvollen Arbeit als Studienleiter) auch 50% unseres Informatikkollegiums verloren! Leider ist es auch aufgrund mangelnder Planstellen (siehe dazu meine Ausführungen in der Chronik) sehr schwer, das Fachkollegium auszubauen. Dabei hätten wir großen Bedarf.

Ein weiteres Problem entsteht in den Schulen darin, dass die wenigen vorhandenen Informatiklehrer (wie gelegentlich auch Kollegen verwandter Fächer) als technischer Support missbraucht werden. Ich sage bewusst missbraucht, weil es ein Unding ist, dass eine pädagogisch ausgebildete Lehrkraft Teile ihrer Arbeitszeit damit verbringt, Fehler bei der Hardware in der Schule zu reparieren bzw. Software aufzuspielen. Was für eine Vergeudung!

Aber solange die Politik bzw. die Bildungsbehörden den Schulen nicht den notwendigen Support zugestehen (in Form eines Technik-Mitarbeiters nach dem System von Sekretär/in und Hausmeister/in oder in Form von ausreichenden Finanzmitteln, um diese Arbeitsleistung auf dem freien Markt einzukaufen), wird sich nichts ändern. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer, da die weitere Entwicklung ja in Richtung zunehmender Anzahl der Geräte läuft (s.u. Punkt 3). Zuletzt schienen mir die Signale aus dem HKM ein wenig darauf hinzudeuten, dass sich etwas bewegt, aber genaugenommen warte ich seit etwa zwanzig Jahren, als nämlich das Problem zum ersten Mal deutlich wurde, auf ein entsprechendes Umdenken.

Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass die Finanzmittel für eine adäquate Ausstattung des Informatikunterrichts selbst ein Problem für sich sind. Nirgendwo muss so viel investiert werden, um halbwegs auf einem technisch akzeptablen Stand zu sein. Und schulische Ausstattungsressourcen sind nun einmal begrenzt und müssen ja auch den anderen Fächer zur Verfügung stehen. Ich verzweifle ein wenig bei dem Gedanken, dass ein einmal angeschafftes Modell der Gartentulpe unverändert jahrzehntelang erfolgreich benutzt werden kann, aber die digitalen Medien in dieser Hinsicht ein Fass ohne Boden sind.

2. Folgen individuellen Handelns abschätzen können

Hier reden wir von Medienerziehung, die sowohl im Unterricht der verschiedensten Fächer als auch in Projekttagen, Elternabenden, Zusatzangeboten etc. umgesetzt werden kann. Manche Pädagogen würden sich gerne alleine auf diese Position zurückziehen, da sie dies als die ureigenste Aufgabe von Schule definieren, und die anderen Aspekte eher ausblenden. Dieser Meinung bin ich nicht, wie sicher aus meinen Ausführungen zu Beginn des Artikels deutlich wurde.

Dennoch ist Medienerziehung mittlerweile ohne Zweifel eine der wichtigsten Aufgaben in pädagogischer Hinsicht, denn wie auf vergleichbaren Gebieten müssen und wollen wir an der Schule die elterliche Erziehung unterstützen – gerade dort, wo dies im häuslichen Kontext nicht so geschehen ist, dass das Individuum ebenso wie die Gesellschaft davon in Zukunft profitieren kann. So definiere ich z.B. die Erziehung unserer Schülerinnen und Schüler zu einer selbstbestimmten, reflektierten, selbstbewussten, finanziell auf eigenen Füßen stehenden Persönlichkeit, die den Werten des Grundgesetzes verpflichtet ist, als eine unverzichtbare Aufgabe, an der wir alle zusammenarbeiten müssen.

Insofern müssen wir dies auch in Bezug auf den Umgang mit den Digitalen Medien tun, denn die Risiken und Gefährdungen sind sehr groß. Von der gedankenlosen Preisgabe intimer Daten an die globalen Datensammler … über die Sucht, nur noch Fakten zur Kenntnis zu nehmen, die die eigene Meinung in einem Teufelskreis bestärken, … über das fehlende Repertoire, Fake News überhaupt erkennen zu können … bis hin zu der Sucht, am realen Leben zu Gunsten einer virtuellen Welt nicht mehr teilnehmen zu wollen … die Liste könnte noch beliebig erweitert werden.

Und tatsächlich müssen wir feststellen, dass sich die Eltern in diesem Bereich häufig heraushalten, so als wäre es nicht ihre Aufgabe. Das hat sicher mehrere Gründe. Oft ist mangelnde Sachkenntnis das Problem, denn geschickte Schüler können z.B. Internetsperren umgehen, oder Eltern wissen überhaupt nicht um die Gefährlichkeit diverser Handlungen, z.B. unerlaubtes Downloaden. Weiterhin liegt es daran, dass es sehr schwer ist, die Vorteile (z.B. die bequeme Erreichbarkeit) von den Nachteilen (z.B. die ständige Überflutung mit Kommunikationsangeboten) zu trennen. Oft ist es aber Zeitmangel der Eltern, oder man hat mit eigenen Problemen genug zu tun, oder der schlichte Gedanke „die Schule wird’s schon richten“. Diese Naivität kann man nur bedauern…

Was tun wir dagegen? Zunächst einmal ist die allgemeine Erziehung zu einer stabilen Persönlichkeit (s.o.) die beste Vorbeugung gegen alle Arten von Sucht. Dies wird, meiner Empfindung nach, am Johanneum in einem Ausmaß verfolgt wie keineswegs an allen Gymnasien. Hier wird ein „Weiter so!“ von mir mit der Hoffnung verbunden, dass quasi begleitend im Unterricht aller Fächer auch die Gefahren und Fehlentwicklungen des Mediengebrauchs thematisiert werden, im Schwerpunkt natürlich in Fächern wie PoWi.

Weiterhin gibt es am Johanneum eine ganze Gruppe von Kolleginnen und Kollegen, die unter der Leitung von Frau Tromsdorf und Herrn Ludwig das Arbeitsfeld Medienerziehung auch im außerunterrichtlichen Zusammenhang fördern. Elternabende zur Aufklärung, besondere Angebote für die Schüler, die “Digitalen Helden“, die Schüler-AG „Cybermights“ usw. – hier gibt es eine Fülle von Bausteinen, die unser Ziel unterstützen. Auch individuell, z.B. bei aktuellen Fällen von Internet-Mobbing, dem missbräuchlichen Verbreiten von Bildern etc. wird von der Arbeitsgruppe Medien schnell reagiert. Gerade hier sollen die Schüler auch merken, dass es bei Verstößen am Johanneum null Toleranz gibt.

Allerdings verschlingt diese Aufgabe mittlerweile immer größere Zeitkontingente, und ich würde ich mir wünschen, dass dies außerhalb von Schule auch einmal so gesehen und anerkannt wird. Und weitere Ressourcen wären ebenfalls hilfreich, obwohl zum Beispiel unsere Zusammenarbeit mit der AGGAS (eine polizeiliche Arbeitsgruppe gegen Gewalt an Schulen, was z.B. auch Internet-Mobbing einschließt) sehr gut ist! Natürlich könnte man sich bei der Medienerziehung noch beliebig viele weitere Aktionen vorstellen, aber ich freue mich, dass am Johanneum schon so viel geschieht. Andere (althergebrachte) Arbeitsfelder kommen ja auch noch dazu. In diesem Zusammenhang sollten unbedingt Frau Isabell Braun und Herrn Thorsten Butsch für ihr hohes Engagement gewürdigt werden!

So bleibt das dritte Standbein zu beschreiben:

3. Digitale Medien als normales Arbeitsmittel kennenlernen

Die Bedeutung dieses Punktes hängt eng mit dem zusammen, was ich am Anfang thematisiert habe. In unserer Gesellschaft haben die digitalen Medien mittlerweile eine solche Verbreitung und ein solche Dominanz erfahren, dass es ein schädliches Abkoppeln von der Gesellschaft wäre, würden wir die unbestreitbaren Vorteile dieses Mediums nicht auch im Unterricht nutzen.

Allerdings sind hier die Ängste auf allen Seiten sehr hoch. Zur Verdeutlichung mal einfach drei Aspekte herausgegriffen: Schüler befürchten, abgehängt zu werden, wenn andere da schon mehr Erfahrung haben, Eltern befürchten, dass hohe Kosten auf sie zukommen, und Kollegen befürchten, dass sich ihre Rolle zu extrem wandelt. Greifen wir zunächst den letztgenannten Punkt auf. Wie wird sich das Lernen in der Schule in Zukunft darstellen?

Es gibt genügend pädagogische Studien, die sich mit der Veränderung der Lehrerrolle in der modernen Wissensgesellschaft beschäftigen. Einig sind sie sich alle darin, dass der Verlust seiner Position als der alleinigen „Quelle von Wissen“ den größten Umbruch für den Lehrer bedeutet hat. Informationen sind seit der Entwicklung der Internets (was erst wenige Jahrzehnte her ist!) mit einem Klick zu bekommen - jederzeit und überall. Insofern müssen Schüler heute nicht mehr „Wissensanhäufer“ sein, auch wenn die Kompetenzorientierung natürlich ein gewisses Sachwissen zur Grundlage haben muss, das nicht erst „gegoogelt“ werden kann.

Langfristig muss stattdessen die Entwicklung des individuellen Potentials eines Schülers im Mittelpunkt stehen - seine Fähigkeit, Probleme zu erkennen und einen Lösungsweg zu finden. Daher wird die reine Wissensvermittlung zeitlich zurücktreten, dagegen wird dem Lehrer in Zukunft eher die Rolle eines „Bildungsmanagers“ und „Persönlichkeitscoachs“ zugewiesen. Globale Bildungsplattformen übernehmen die Aufbereitung und Darbietung der Sachinhalte ebenso wie den „Drill“, das Üben, ohne das kein Wissen gesichert werden kann. Die Lehrer dagegen müssen die Schüler möglichst individuell dabei unterstützen, eine gute Arbeitshaltung zu entwickeln, sich organisieren zu lernen und die entsprechenden Angebote produktiv zu nutzen.

Puh, nun bin ich aber ganz schön weit in die „schöne neue Welt“ der Bildungszukunft abgedriftet. So schnell bewegt sich das System Schule nicht, da braucht man weder Angst noch Hoffnung zu haben. In der Tat überwiegt im Moment offensichtlich noch die Skepsis bei den Pädagogen. Eine Untersuchung der Bertelsmannstiftung nennt die Zahl, dass aktuell nur jeder fünfte Lehrer glaubt, dass digitale Medien die Lernergebnisse positiv beeinflussen können. Daraus spricht – neben Skepsis, die vielleicht durch schlechte Erfahrungen mit Handymissbrauch herrührt - eher eine gewisse konservative Sicht auf die gute Unterrichtsarbeit, aber trotzdem werden wir Pädagogen uns hier bewegen müssen.

Nicht nur die Gesellschaft verlangt es mit der Macht des Faktischen, auch die Entscheider im Bildungssektor gehen davon aus. Dazu einmal ein paar Zitate:

Aus dem Strategiepapier der Kultusministerkonferenz (KMK) „Bildung in der Digitalen Welt“ (Berlin 8.12.2016):

„Ziel der Kultusministerkonferenz ist es, dass möglichst bis 2021 jede Schülerin und jeder Schüler jederzeit, wenn es aus pädagogischer Sicht im Unterrichtsverlauf sinnvoll ist, eine digitale Lernumgebung und einen Zugang zum Internet nutzen können sollte.“

„Die Länder verpflichten sich, dafür Sorge zu tragen, dass alle Schülerinnen und Schüler, die zum Schuljahr 2018/19 in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sek.I eintreten, bis zum Ende der Pflichtschulzeit die (…) Kompetenzen erwerben können.“

Weiterhin werden die Ziele der KMK im Einzelnen beschrieben:

1. „Die Länder beziehen in ihren (…) Bildungsplänen (…), beginnend mit der Primarschule, die Kompetenzen ein, die für eine aktive, selbstbestimmte Teilhabe in einer digitalen Welt erforderlich sind. Dies wird nicht über ein eigenes Curriculum für ein eigenes Fach umgesetzt, sondern wird integrativer Teil der Fachcurricula aller Fächer. (…)“

2. „Bei der Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen werden digitale Lernumgebungen (…) systematisch eingesetzt. Durch eine an die neu zur Verfügung stehenden Möglichkeiten angepasste Unterrichtsgestaltung werden die Individualisierungsmöglichkeit und die Übernahme von Eigenverantwortung bei den Lernprozessen gestärkt.“

„Voraussetzungen dafür sind eine funktionierende Infrastruktur (Breitbandausbau, Ausstattung der Schule, Inhalte, Plattformen), die Klärung verschiedener rechtlicher Fragen (u. a. Lehr- und Lernmittel, Datenschutz, Urheberrecht), die Weiterentwicklung des Unterrichts und vor allem auch eine entsprechende Qualifikation der Lehrkräfte.“

Von den Kosten wird im Strategiepapier nicht viel gesagt, aber aus einer Veröffentlichung der Bertelsmannstiftung „IT-Ausstattung an Schulen“ (November 2017) geht hervor:

„Rund 2,98 Mrd. Euro würden jährlich anfallen, wenn alle Grund- und weiterführenden Schulen mit lernförderlicher Computertechnik ausgestattet werden. Schon heute tragen Kommunen einen erheblichen Teil dieser Kosten. Bei der Finanzierung müssen sie aber dauerhaft unterstützt werden.“

Die Bertelsmannstiftung geht übrigens für weiterführende Schulen in einer Modellrechnung (gerechnet auf einen Fünfjahreszeitraum) von einem Betrag von 402 € pro Schüler pro Jahr aus. Das wäre für das Johanneum eine Summe von mehr als 600 000 € pro Jahr. Da sind wir doch weit davon entfernt! Aber diese Zahl mag demonstrieren, warum das Problem manchmal unlösbar erscheint. Nur zum Vergleich: Im Koalitionsvertrag von 2018 stehen für diese Legislaturperiode 3,5 Mrd. € Investitions-Anschubfinanzierung für technische Ausstattung an Schulen bereit – für ganz Deutschland … und im Übrigen ist Bildung ja Ländersache…. Die Schulen stehen irgendwo dazwischen und werden mit ihren Problemen oft alleine gelassen.

Derzeit entwickelt sich dieser wichtige Bereich nur in Form von „Insellösungen“ und „Leuchtturmschulen“, während die überwiegende Mehrheit der Regelschulen sich dermaßen großen Hindernissen gegenübersieht, dass sie an diesem notwendigen (und von den Schulen durchaus gewünschten!) Umbruch in absehbarer Zeit nicht realistisch teilnehmen kann. Dies widerspricht der Bildungsgerechtigkeit, und die mühsame Suche nach schul-individuellen Ansätzen ist eine Vergeudung von Arbeitskraft.

Trotzdem kann man sich nicht einfach zurücklehnen und abwarten, bis die Erlasse und Vorschriften von außen kommen – so viel Zeit ist eigentlich nicht! Man darf sich, wie oben bereits begründet, nicht zu weit von der Gesellschaft entfernen, und die Akzeptanz von Schule hängt nicht zuletzt davon ab, ob sie bereit ist, den Weg zumindest zu beginnen.

Daher sind wir am Johanneum schon vergleichsweise weit vorwärtsgegangen. Der Ausbau des WLAN ist mit vorbildlicher Unterstützung unseres Schulträgers abgeschlossen – und das ist bei einer Schule unserer Größe ein teures Unterfangen! Wir nutzen IServ als schulisches Kommunikationsmedium, Infoportal und Lernplattform. In den Räumen stehen Smartboards oder fest installierte Beamer als Unterrichtsmedium zur Verfügung. Wir setzen individuell mobile Endgeräte der Schüler im Unterricht ein, z.B. zur Fotodokumentation, und erstellen Videofilme u. ä. Wir gehen in die Computerräume oder arbeiten mit den ausleihbaren IPad-Klassensätzen. Freiwillige Lehrkräfte testen EduApps (TeacherTool, Stop Motion, Evernote, Geogebra u.ä.) in ihrem Unterricht aus und berichten ihrer Kollegen davon in schulinternen Fortbildungen, AppCafés oder an pädagogischen Tagen.

Wir können stolz darauf sein! Doch warum kam es dann kürzlich zu einer so großen kontroversen Diskussion im Kollegium, als wir folgerichtig zum ersten Mal planten, im nächsten Schuljahr probeweise eine sogenannte „IPad-Klasse“ einzurichten? Nun, das ist ganz verständlich, denn damit machen wir am Johanneum zum ersten Mal den Schritt von den freiwilligen Angeboten zu einem festgelegten Medium. Freiwillige Angebote wahrzunehmen gehörte schon bisher im Alltag zur individuellen pädagogischen Freiheit des Lehrers. Er kann bzw. muss entscheiden, was seinen Unterrichtszielen am zuträglichsten ist. Mit dem Einrichten einer Klasse, in der jeder Schüler neben Buch, Heft, Stift auch über ein einsetzbares, standardisiertes IPad verfügt, ist schon ein gewisser Druck verbunden, dies auch zu benutzen. Dies ist – zumindest gefühlt - das Überschreiten einer Schwelle.

Und trotzdem bleibt natürlich genügend Spielraum, um über die pädagogischen Ziele zu diskutieren bzw. die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens auszuloten. Denn trotz allem vorher Gesagten - auch die Digitalen Medien haben ihre Daseinsberechtigung nur da, wo sie im Unterricht einen Mehrwert erbringen: Individualisierung (s.o.), Anschaulichkeit, Erhöhung der Schüler-Selbsttätigkeit usw. Aber genau das kann man sinnvollerweise nur im Alltag erproben.

Daher bin ich sehr zufrieden damit, dass nach kontroverser Diskussion die Abstimmung im Kollegium diese Möglichkeit eröffnet hat. Zum nächsten Schuljahr wird es am Johanneum in der 8. Jahrgangsstufe erstmals eine „IPad-Klasse“ geben, zur Erprobung. Dafür ist ein gründliches Konzept nötig, um das System des „Get your own device“ mit standardisierten IPads für alle Interessenten machbar, bezahlbar und im Alltag einsetzbar hinzubekommen. Wir werden ausprobieren können, wie das den Unterrichtsalltag verändert. Die Gruppe „Digitale Medien“ mit Frau Braun, Herrn Butsch, Herrn Ludwig und Frau Tromsdorf sind dabei, ein Konzept auszufeilen. Ihnen gebührt ganz viel Dank für ihr großes Engagement auf diesem wichtigen Feld der Schulentwicklung.
Im nächsten Jahr können Sie an dieser Stelle schon mehr darüber lesen, welche Erfahrungen sich dabei ergeben haben. Bleiben Sie neugierig!

J. Waschke, 2018

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